Mad Max Kann man sich auch einen Bruch spielen?

Wenn man einen Film dreht ist es von Vorteil wenn alles was auf dem Bildschirm passiert die Geschichte voran bringt. Insider Gags, Querverweise und Hintergrunddetails sind ein schöner Fanservice und holen die Freaks, Nerds und Geeks ab, aber letztendlich muss man doch einer Geschichte folgen ohne sie selbst beeinflussen zu können. Andere Menschen entscheiden über die Informationen die ich bekomme und über die Geschwindigkeit der Erzählung. Sie entscheiden darüber ob ich einem einzigen Monolog folge oder ob die Geschichte mit wenigen Worten aber dafür in imposanten Bildern erzählt wird. Wie Letzteres funktioniert hat der Film „Mad Max: Fury Road“ im Jahr 2015 eindrucksvoll gezeigt.

Anders verhält es sich mit Computerspielen. Hier nehme ich das Steuer in der Regel selbst in die Hand und begebe mich in eine fremde, wenn auch virtuelle, Welt. Dort möchte ich mich entwickeln, der Welt die Geheimnisse entlocken die sie für mich bereit hält und die Geschichte durch meinen eigenen Fortschritt voran treiben. Ich möchte besser werden, die Spielinhalte meistern und neue Aspekte meiner Umgebung entdecken. Dies wiederum schafft das Spiel „Mad Max“ und bedient sich dabei noch am grandiosen Design des Kinofilms. Um es gleich zu sagen: Das Spiel ist eine kongeniale Ergänzung zum Film.

 

Der Zinnmann hätte gern ein Herz

Und es ist schwer. Richtig schwer. Damit meine ich nicht das Spiel selber sondern das komplette Design. Alles was mir dieses Spiel vorgesetzt hat fühlt sich so schwer an dass ich Sorge um meine Gesundheit hätte müsste ich die Spielinhalte anheben. Die Fahrzeuge schieben sich brachial über den staubigen Asphalt, Metall knarzt und sirrt unter der Last meines ausgeworfenen Enterhakens, Explosionen werden von einem satten „BOUM!“ begleiten und wenn Wrackteile brennend zurück in die Wüste fallen, dann lodern und wabern Feuer und Rauch auf als würde eine Lavalampe mit vielfacher Geschwindigkeit laufen.

Ganz zu schweigen vom eigentlichen Protagonisten Max. Obwohl dieser nur ein Durchschnitts-Ödländer ist, und es mit deutlich schwereren Kalibern aufnehmen muss, wirkt alles an im so mächtig das es erstmal in Gang kommen muss um seine volle Wirkung zu entfalten. Möchte ich Max rennen lassen muss die entsprechende Taste dafür schon länger gedrückt werden. Dann kommt er langsam in Gang. Auch wenn Max nur knöchelhoch Hopsen kann, verteilt er Schläge und Knochenbrüche im Nahkampf unter heftigem Klatschen und Krachen. Ja, sogar um in eine der zahlreichen Fahrgelegenheiten einzusteigen reicht kein einfacher Tastendruck. Die Taste muss gehalten werden. Dann bequemt sich Max dazu hinter dem Steuer Platz zu nehmen. Auch wenn diese Schwere jetzt anstrengend und sperrig klingen mag: sie ist in der Welt von „Mad Max“ doch absolut stimmig.

 

Unten bremst der Teerschlamm, oben knallt der Turbo. Wir steuern im Betontunnel auf die Metallbarrikaden zu. Superschwer!

Im Gegensatz zur schweren Welt steht aber auch hier traditionel eine recht leichte Grundgeschichte. Max möchte nichts weiter als ein Auto haben um verduften zu können. Und ich als Spieler helfe ihm nun dabei soviel Kram aufzutreiben wie eben nötig ist um eine Karre bauen zu können. Ach! Nebenbei hat Max noch dem Warlord Scabrous Scrotus seine eigene Kettensäge in den Schädel gerammt. Das stimmt die Anhänger der Scrotus-Fraktion irgendwie missmutig.

Wer Scabrous Scrotus ist wird gefragt? Nun, da möchte ich erstmal wieder auf den Film zurück kommen. Dort tauchen neben Max Rockatansky und Imperator Furiosa ja unter anderem auch noch Immortan Joe, der People Eater aus Gastown oder der Bullet Farmer auf. Über diese Leute, und eigentlich auch alle anderen Charaktere, erfahren wir im Film so gut wie nichts. Wo kommen sie her? Für den Film egal! Was machen sie? Siehst du doch! Kann ich bitte mehr Infos bekommen? Ja, aber nicht hier und jetzt!

Tatsächlich existieren für alle Charaktere Hintergrundgeschichten. Man hat sich beim Design des Filmes Gedanken über so unglaublich viele Kleinigkeiten gemacht, dass ganze Online-Wikis mit Informationen gefüllt werden konnten, die jeden Interessierten die Feinheiten des Ödlandes nachlesen lassen. Und so ist es auch hier im Spiel. Wer jetzt genau wer ist interessiert Max nicht. Wichtig ist nur ob die jeweilige Person helfen kann ein Auto zu bekommen, oder ob sie ihm dabei im Weg steht. Neugierige Spieler bekommen jedoch für jeden wichtigen Charakter Kurzbiographien im Pausemenü angezeigt. Gewürzt mit einem knackigen Zitat.

Und da hört das Spiel noch nicht auf. Es gibt unglaublich viel zu sammeln und freizuschalten. Postkarten und Fotos aus einer heileren Welt liefern historische Informationen. Suchgebiete versorgen Max mit der nötigen Währung und Bauteilen um sein Ziel zu erreichen. In der Landschaft aufgestellte Heißluftballons liefern Informationen über die nähere Umgebung. Und verschiedene kleine und große Aufgaben lassen Max nach und nach zur Legende des Ödlandes werden und gleichzeitig Scrotus Einfluß schwinden.

Für Spieler wie mich ist dort auch die größte Diskrepanz im Spiel. Ich bin jemand der (im Spiel *zwinkersmiley*) keine Aufgabe liegen lassen kann. Dinge die erledigt werden können möchte ich erledigen bevor ich mit der großen Hauptmission weitermache. Das hatte zur Folge das mein Spielcharakter schon sehr früh die maximale (hö, hö…) Ausbaustufe erreicht hatte. Damit war in vielen Kämpfen eigentlich nur noch Geduld nötig, da kein Mangel an Waffen herrschte und ich auch alle möglichen Finishing Moves anwenden konnte. Andererseits bekommt man zum Beispiel den besten Motor des Spiels erst recht spät. Dadurch konnte ich mein Auto erst kurz vor Schluß komplett ausbauen und habe so gut wie alle anderen Aufgaben mit meiner V6-Schaukel erledigt. Nun stehe ich nach dem Abspann da und habe nichts mehr zu tun außer Rennen zu fahren. Und die interessieren mich eigentlich nicht so wirklich.

 

Vor den Rennen wegfahren

Trotzdem bleibt „Mad Max“ ein absolut großartiger Titel an dem mich im Nachinein so gut wie nichts stört. Ich habe mir viel vom Spiel selber schwer gemacht indem ich meine Spielweise durchziehen wollte. Auf genau die gleiche Weise habe ich mir wieder anderes zu leicht gemacht. Dem Spiel werfe ich das nicht vor. Auch wenn das Levelsystem nicht besonders komplex daherkommt ist es doch ausreichend belohnend. Dabei nimmt es den Spieler nicht an die Hand und lässt  ihm Freiräume in seiner Spielweise.

Gleichzeitig war für mich immer die Möglichkeit gegeben in das Spiel einzutauchen. Dabei muss einfach das geniale Design erwähnt werden. Auch wenn mir als Spieler einige Gegenstände und Texturen immer wieder bekannt vorkamen ist die Liebe zum Detail überall spürbar. Wiederholungen lassen sich schon allein aufgrund der Größe der Spielwelt und der Zeit die ich in dieser verbracht habe kaum vermeiden. Trotzdem ist es bemerkenswert wie durchdacht die Entwickler hier vorgegangen sind und sich anscheinend für hunderte von Bereichen des Ödlandes sinnvolle Strukturen haben einfallen lassen. Da stemme ich eine unscheinbare Bodenluke auf, klettere hinein und erkenne dass ich soeben über das Dach in einen verschütteten Personenzug oder ein verrottendes Einfamilienhaus gestiegen bin. Oder ich rase durch die Wüste und realisiere so nach und nach das die Gebäudefragmente um mich herum in früheren Zeiten mal einen Flughafen dargestellt haben. Erlebnisse dieser Art bietet das Spiel dem aufmerksamen und interessierten Spieler massenhaft aber immer perfekt platziert. Es ist schön zu sehen das sogar das Entwicklungsstudio so überzeugt von seiner Spielwelt und dem Design waren, dass sie „Mad Max“ eine eigene Kamera- und Videofunktion spendiert haben. Inklusive schwenkbarer Kamera und Fotofiltern.

Nur an einem Punkt war ich angefressen. Und zwar als ich, bedingt durch die erzählte Geschichte, zwangsläufig realisieren musste mit wem ich da grad unterwegs bin. Zum Auftakt des vierten Aktes wollte ich das Spielen einstellen. Ich wollte mich verweigern und mir Integrität vorheucheln. Ich habe mir eine Entscheidung gewünscht und mir ausgemalt wie cool es wäre wenn sich jetzt und an dieser Stelle das Spiel in einen Überlebenskampf mit Basisbau verwandeln würde. Natürlich hat es das nicht und konnte es auch nicht. Eben weil ein Mad Max Rockatansky so etwas nicht kann. Und so bin ich ab dieser Stelle der Geschichte gefolgt, bis der letzte Funke Hoffnung daran dass alles gut ist nicht mehr da war. Wie im Film will der Handlungsbogen zuende geführt werden. Was im Film jedoch noch selbstablaufend rezipiert werden kann verlangt ein Spiel von seinem Spieler. Die Narrative kommt und fordert ihre Opfer. Und ich habe mich als Erfüllungsgehilfe zur Verfügung gestellt. Jetzt hasse ich diesen großartigen Titel dafür dass ich so eine sture Mistsau sein musste.

Sture Mistsau!

 

 

 

 

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