Deadly Creatures "Intakter Abdomen dank coolem Verhalten"*

So wie es großartige und unterhaltsame Filme gibt, die kommerziell kläglich scheitern, weil sie einfach im Blockbuster-Einheitsbrei untergehen, so gibt es auch Spiele, welche eigentlich mehr Beachtung verdient hätten, sie aber nie zur rechten Zeit bekommen. So ein Vertreter ist das Spiel „Deadly Creatures“ der Rainbow Studios (welche sich anscheinend mittlerweile THQ Digital Phoenix nennen müssen).

Dieses Entwicklerteam hatte bisher zwei Spiele-Umsetzungen zum Pixar/Disney-Film „Cars“, sowie ein weiteres Rennspiel auf dem Kerbholz. Nichts Spektakuläres also. Nun ist es aber so: Wenn man sein Büro in Phoenix, Arizona (USA) hat, und dort aus dem Fenster sieht, dann wird man offensichtlich mit mit einer Fauna konfrontiert, die ihresgleichen sucht. Skorpion und Tarantel geben sich dort die Klinke in die Hand, und die Klapperschlangen rasseln im Takt dazu. Das lädt dazu ein, Phantasie und Kreativität freien Lauf zu lassen.

Und so wie die Entwickler uns auf ihrer Webseite zum Spiel auffordern „Entfessle deinen Killerinstinkt!“, so haben sie ihre Vorstellungskraft entfesselt, und ein Spiel hingelegt, welches vom Konzept her eigentlich schon als Spielfilm taugen würde.

Alles beginnt mit einem Monolog. Eine uns unbekannte Person erzählt uns von der Wüste, von einer Tankstelle und von George Struggs. Wir kennen diese Orte nicht, und wir kennen diese Personen nicht. Als der Monolog endet, finden wir uns in der Wüste wieder. Wir folgen einem Skorpion auf seinem Weg über die zerfurchten Felsen. Plötzlich springt eine Tarantel aus einer der Felsspalten hervor. Beide Tiere machen sich zum Kampf bereit, als die Erde anfängt zu beben. Zwei Männer in schweren Stiefeln trampeln über die beiden Kontrahenten hinweg und unterhalten sich dabei lautstark.

Den Inhalt des Gespräches bekommen wir zwar mit, aber er könnte uns gleichgültiger nicht sein. Denn von nun an sind wir eine Tarantel. Wir sind ein Jäger und unser einziges Ziel ist Beute und nicht selbst zur Beute werden. Lassen wir den Skorpion also stehen und bringen uns in der nächsten Felsspalte in Sicherheit.
Nun ja… Sicherheit. Wir werden noch erleben, was dieses Wort in der Welt von „Deadly Creatures“ für eine Bedeutung hat.

So fängt die Geschichte also an. Wir beginnen als Tarantel und gehen unseren Weg. Unser Tagwerk ist Insektenfang und Überleben. Und das erweist sich als garnicht so einfach. Hinter jedem Grasbüschel, Abfallhaufen oder Trümmerteil kann der nächste Fressfeind lauern, der uns ans Abdomen will. Wir sind jedoch flink und kräftig und setzen uns mit allen acht Beinen zur Wehr. Ein Knopfdruck und eine Bewegung der Wiimote lassen uns einen Hieb ausführen, rumwirbeln, zupacken und bei Bedarf sogar noch nach belieben nachtreten. Im späteren Verlauf des Spiels verfeinern wir unsere Fähigkeiten und lernen hinzu. So wird es beispielsweise möglich sein, das Netz zu benutzen, um sich an höher gelegene Orte zu transportieren oder Feinde zu blenden. Oder wir meistern den Hinterhalt, indem wir ahnungslose Opfer und Feinde anvisieren und uns auf sie stürzen. Die Möglichkeiten sind vielfältig.

Sobald wir ein Kapitel durchwandert haben, wird abgeklatscht. Nun sind wir als Skorpion unterwegs. Als Skorpion sind wir eher der Berserker. Nicht so flink wie die Tarantel, dafür aber stark gepanzert und mit einer Extraportion Zerstörungskraft ausgestattet. Der Skorpion wird im Laufe des Spiels neue Combo-Attacken lernen und verschiedene Finishing-Moves ausführen können.

Unser Ausgangspunkt ist der gleiche, unser Weg jedoch ein anderer. Dennoch sind die Schicksale des Skorpions, der Tarantel und der beiden Menschen untrennbar miteinander verknüpft.
Wir werden im Laufe des Spiels Orte sowohl aus der Sicht der Tarantel als auch aus der Sicht des Skorpions kennenlernen. Wir werden Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten können. Und nach und nach wird sich die Geschichte vor uns ausbreiten und sich zu einem Ganzen fügen.

Es ist erfrischend und macht Spaß, wie hier mit konventionellen Perspektiven und der Art, eine Geschichte zu erzählen, gebrochen wird. Wenn man zum Beispiel im ersten Moment nur aus dem Gespräch der beiden Menschen von einem Motorrad erfährt, welches in der Wüste liegt, dannn später genau dieses Motorrad beklettert und im letzten Schritt sogar noch den ehemaligen Besitzer des Gefährts kennenlernt, ohne dass man ihn im ersten Moment erkennt, dann ist das ganz großes Kino! Ich wage sogar zu behaupten, dass das Drehbuch zu diesem Spiel auch tatsächlich im Kino funktionieren würde. Besonders jetzt zur aktuellen 3D Welle. Es muß sich halt nur jemand trauen und vor allem dem Spieler (oder dem Zuschauer) etwas ZUtrauen.

Natürlich ist „Deadly Creatures“ nicht 100% Innovation. Im Großen und Ganzen betrachtet bleibt es ein Prügelspiel. Nur verkloppt man halt in diesem Spiel am laufenden Band alles, was mehr als zwei Beine hat. Dabei haben die Entwickler auch darauf geachtet, den Sammeltrieb des Spielers zu befriedigen sowie eine Charakterentwicklung einzubauen. Über die 10 Kapitel verteilt finden sich 850 Maden, die es gilt einzusammeln. Mit diesen Maden kann man als Extra 6 Gallerien mit wirklich großartigen Konzeptzeichnungen freischalten. Allerdings sollte man sich die Gallerien erst nach Vollendung des Spiels ansehen, da sie ein wenig von den noch zu besuchenden Orten vorweg nehmen. Außerdem geben die Maden Lebensenergie zurück. Ist ja auch was feines.

Dann finden sich in den 10 Kapitel noch grüne Heuschrecken verteilt. Eine bestimmte Anzahl dieser Insekten steigert die Lebensenergie unseres Tieres. Zu guter Letzt geben besiegte Gegner noch Punkte, welche neue Moves und Combos freischalten. Es lohnt sich also alles zu plätten was sich bewegt.

Und das ist eigentlich auch schon der große Nachteil des Spiels. So packend und stimmig Optik und Atmosphäre im Spiel auch sind, so schnell verfällt man doch in einen immer wiederkehrenden Trott. Man greift immer wieder auf Standartdmoves zurück, weil sich im Prinzip alle Gegner mehr oder weniger einfach damit erledigen lassen. Als Tarantel empfiehlt es sich, sich von einer höher gelegenen Position auf den Gegner zu stürzen. Und als Skorpion wird solange der A-Knopf bearbeitet, bis der Finishing-Move angesetzt werden kann.

Ein weiterer negativer Punkt sind immer wieder auftauschende Quicktime-Events, welche nicht nur den Spielfluss unterbrechen, sondern auch zum Teil recht unfair daher kommen. Eine falsche Bewegung, eine falsche Taste und wir können den letzten Spielstand laden. Diese Trial-and-Error-Events tauchen im fortschreitenden Spiel leider zunehmend auf, und verleiden einem auch ein wenig die letzten Kapitel.
Im Allgemeinen fällt es auf, dass die ersten zwei Drittel des Spiels ein wenig liebevoller daherkommen als das letzte. Das fällt schon bei den Kamerapositionen auf, die nach einiger Zeit immer holpriger wirken.

Den Gesamteindruck stört auch Folgendes: Da Skorpion und Tarantel einige Schauplätze zu unterschiedlichen Zeitpunkten unabhängig voneinander besuchen, mußte ein Weg gefunden werden, wie man beispielsweise die Tarantel aus Levelbereichen fern hält, die nur für den Skorpion zugänglich sind. Oftmals wurde dies dadurch gelöst, dass der Skorpion mit seinen Scheren Höhlensysteme aufgraben und störende Grasbüschel wegschneiden kann. Die Tarantel wiederum kann sich mit ihrem Netz in die Höhe schwingen und über Hindernisse springen. Leider haben es sich die Entwickler an einigen Stellen des Spiels nun einfach machen wollen, indem sie bestimmte Bereiche einfach durch einen undurchdringlichen Nebel absperren. Das ist albern, physikalisch nicht zu erklären und gibt Minuspunkte in der B-Note.

Ebenso das ewige Gerödel des optischen Laufwerkes der Wii. Schon im Menü, welches übrigens mit wirklich großartig gerenderten Viechern aufwarten kann, ackert das Laufwerk, das es einem den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Dieses Verhalten tritt auch gerne mal im Spiel auf. Meist vor gößeren Kämpfen. Das Wii-Laufwerk spoilert sozusagen das Spiel. Also Ohren offen halten!

Gesteigerte Aufmerksamkeit gilt auch der Synchronisation des Spiels. Obwohl die deutsche Lokalisierung an sich schon gut gelungen ist, abgesehen von einigen wörtlich übersetzten Begriffen, welche im englischen einfach cooler klingen, ist es sinnvoll die Wii auf eine englische Sprachausgabe umzuschalten. Im Originalton leiht nämlich der leider kürzlich verstorbene Dennis Hopper George Struggs seine Stimme. Sein Kompagnon wird hingegen von Billy Bob Thornton gesprochen. Unbedingte Empfehlung ist also das Spiel in der Originalfassung zu genießen.

Alles in allem sei dieses Spiel jedem empfohlen, der weg möchte vom 08/15-Spieledesign und sich für Spiele abseits des Mainstreams begeistern kann. Viel Zeit und Geld muss man dafür nicht investieren, denn zum einen ist das Spiel auf dem normalen Schwierigkeitsgrad problemlos in drei oder vier abendlichen Sitzungen durchgespielt, und zum anderen ist es aktuell in der Software-Pyramide zum Neupreis von 22 € zu erwerben.

Menschen die sich zu Krabbelviechern jeglicher Art hingezogen fühlen, werden diesen Titel sowieso lieben!

Quelle Titel und Bild 4: http://deadlycreaturesgame.com 
Der Rest ist selbst aufgenommen. 
Mit einem Fotoapparat. 
Von einem Röhrenfernseher. 
So richtig dicke Technik mit Glas vorne dran.

*Der Untertitel ist eine Komposition aus der Silbendrechslerei des Max Goldt.

Das Review wurde ursprünglich 2010 auf Circuit-Board.de veröffentlicht

 

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