1000 Einkaufswerte – „Chaotisch Neutral im Supermarkt“ Schwungvolle Ausgeglichenheit schafft eigene Strukturen

 

Das heutige Werk wurde ursprünglich vor einer Niedrigpreis-Filiale der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Wir haben die Gelegenheit genutzt und uns die Arbeit der unbekannten Künstlerin (wir können nur vermuten) en detail angesehen. Dabei fällt auf den ersten Blick die aus präzise geschwungenen Buchstaben geschaffene Struktur auf. Die Illusion ist perfekt. Sofort erkennen wir die Pantherkatze wie sie seidig geschmeidig frontal in unsere Richtung schleicht. Der Adrenalinspiegel steigt. Doch ändert der Betrachter dezent den Blickwinkel wird dieses Bild von einem Eichhörnchen abgelöst. Erstaunt sehen wir dem kleinen Racker zu wie er seinen Wintervorrat an leckeren Nüssen in Sicherheit bringt. Jäger und Sammler in Symbiose und doch niemals vereint. Die Natur mit handwerklichem Geschick auf wesentliche Vorgänge reduziert und sie dadurch so entlarvend verständlich dargestellt wie selten zuvor.

Inhaltlich hält das Werk dann entgültig den Zerrspiegel vor die zuweilen hässliche Fratze der Schöpfung, und rückt dadurch so einiges wieder grade was in den letzten Jahrtausenden schief gelaufen ist.

Ein besserer Einstieg als „5 Bananen“ ist kaum vorstellbar. Tief in unserem genetischen Code wissen wir alle wie geeignet die kleinen Energiespender sind um dem Wunderwerk Körper zu frischem Antrieb zu verhelfen (vergl. „Haschisch Opis“ ab Minute 4:14). Weise Menschen sprechen davon dass eine Banane bereits 3 Stunden nach dem Verzehr zu einem vollwertigen Teil des Wirtskörpers geworden ist. Versuche diesen Effekt beispielsweise mit Nackensteaks herbeizuführen sind zum Scheitern verurteilt.

„Weintrauben kleene“ sind da durchaus eine machbare Ergänzung. Hier wird aufgefordert keine Kompromisse einzugehen. Auch wenn die Weintraubenernte in Berlin in diesem Jahr unter Waschbärfraß stark gelitten hat, so sollen es doch die kleenen sein. Wer aus Bequemlichkeit diese fetten Kuhnippel nach Hause trägt hat hier schon verloren.

Von nun an wird Aufmerksamkeit und differenziertes Denken verlangt. Hoch ist die Gefahr statt dem geforderten „Becher Dosenmilch“ eine „Dose Bechermilch“ zu greifen. Wer an dieser Hürde scheitert lasse alle Hoffnung fahren das richtige Brot erkennen zu können. Nicht weniger als „abgepacktes Vollkornbrot Malz Mehrkorn“ soll es sein. Mehr Gesundheit, Frische und Ballaststoffe kann man nicht zusammentragen. Und weniger wird nicht akzeptiert.

Bevor nun dem strapazierten Darm Entspannung vergönnt ist springt die Künstlerin jedoch, in einem Anflug von Verspieltheit, von Rechts nach Links. Wieder in der Mitte angekommen haben wir alle Zutaten zusammen um eine „tolle Beilage zu vielen Gerichten“ bereiten zu können. Aus „Kartoffeln“, „Butter“ und „Honig“ werden mit wenigen Handgriffen leckere Honig-Erdäpfel. So schnell und leicht kann es gehen.

Diese Auflockerungsübung ist dringend notwendig denn nun betreten wir einen rätselhaften Bereich voller Missverständnisse, Wiedersprüche und Halbwissen: Die Abteilung Milchprodukte. Links und rechts vom Eingang postieren sich „2 x Aktivia Joghurt“ wie grimmige Türsteher vor der Milchbar. Ihre Funktion ist ganz klar Einschüchterung und Verwirrung. Dies zeigt nicht nur die Schreibweise sondern auch die verschiedenen Kontroversen die sich um dieses Produkt ranken. In diesem Bereich gibt es keine roten Fäden auf die man sich verlassen kann. Auch wenn der traditionsreiche „Camembert Rotkäppchen“ etwas anderes vermuten lässt. Aber kaum hat man sich von über 90 Jahren Beständigkeit ausreichend einlullen lassen werden die nächsten Fragen aufgeworfen. „Gaida+Kräuterquark“ oder „Gouda+Kräuterquark“? Warum die Untrennbarkeit durch Addition? Und werden sie am Ende tatsächlich eine Einheit bilden können, oder werden sie schon am Altersunterschied scheitern? Das Ergebniss wird dem Betrachter vorenthalten. Die Zukunft dieser Beziehung ist ungewiss.

Schnell springt des Künstlers Hand wieder an den rechten Rand und schafft Kontraste. Wu… Nein! Im letzten Moment bricht sich eine Erkenntniss ihre Bahn. Wer losgeht und nur Wurst auf dem Zettel hat, der trägt Mist in den heimischen Kühlschrank. Hier muss über die eigenen Bedürfnisse nachgedacht werden und deswegen kommt als erstes nur „Corneed Beef“ in Frage. That’s what we need! „Mortadella“ schafft den fettcremigen Ausgleich.

Doch Huch! Von links schieben sich noch schnell „2xMilch #“ in das Bild. Das ist kein fehlerhafter Programmcode. Hier wird gekonnt die Brücke zwischen klassischen und gesunden Lebensmitteln und jugendlichem Sprachwahnsinn der Neuzeit geschlossen. #hmilch

Kaum hört man in Gedanken das Rauschen der Datenautobahnen, bricht ein „Fischstäbchen“ über uns herein als wäre es vom Himmel gefallen. Wertvolle Omega3 Fettsäuren umhüllt von knuspriger Panade. Hmm… lecker! Wie könnte der Ausgleich besser funktionieren?

Und wenn es nach Fisch riecht ist der Wunsch nach Körperhygeiene untenrum nicht fern. Sauber soll es sein und den Tennisdress nicht beeinträchtigen. „Slipeinlagen lang“ und „Binden“ erfüllen den Wunsch nach geruchsneutraler Behaglichkeit.

Und schon ertönt von Links der „Milchreis Ruf 2x“. Wir folgen dem Signal und landen in einer Melange aus „1 Schokolade Kaffee Sahne“. Hier fühlen wir uns wohl. Das macht wach und gute Laune. Gerne möchte man hier verweilen und die belebende Süße genießen. Doch es bleibt nur den Moment voll auszukosten denn schon drängt noch kurz vor dem Ende „Essig“ in die Mitte und erinnert uns daran dass nicht Alles Zucker sein kann .

Kein Grund jedoch missmutig den Kopf hängen zu lassen. Noch sind nicht alle Optionen aufgebraucht und eine der schönsten Seiten des Daseins wird uns in Erinnerung gebracht: Die Möglichkeit eine Wahl zu treffen!

Und so entlässt uns die Künstlerin mit einer eigenen Entscheidung aus ihrem Bann. Wo zunächst schnöder, einfarbiger „Rahmspin“ schnell im Gefrierfach versteckt werden sollte ziert nun ein farbenfroher Strauß „Blumen“ den heimischen Wohnzimmertisch. Sie halten den nebelig, grauen Sonntag draußen. Sind unsere Beschützer vor dem quallenartigen Treiben der Mitmenschen und laden zum Träumen ein.

Langsam löst sich ein Blütenblatt und gleitet federleicht nach unten. Es landet auf dem Sahnehäubchen einer Tasse gefüllt mit heißer „1 Schokolade Kaffee Sahne“. Mit dem Wissen für den Moment alles erreicht zu haben dürfen wir uns ein Lächeln gönnen und den aprilfrischen Schritt zwischen die Sofakissen drücken. Hier passiert nichts mehr. Und falls doch: Für den Notfall stehen noch „5 Bananen“ bereit.

 

 

 

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