Drecksau Ohne Wenn und Aber zum Jahreswechsel

Ich bin auf diesen Film durch mehrere Umstände aufmerksam geworden. Zum einen fand ich die Darstellerin der Jadis in der siebten Staffel „The Walking Dead“ faszinierend. Deswegen habe ich mir Pollyanna McIntoshs Filmographie angesehen. Dort tauchte „Drecksau“ auf.

Der Name Imogen Poots ist so eine Buchstabenkombination die mir aus irgendeinem Grund nicht aus dem Kopf geht sobald ich sie höre. So ging es mir auch mal mit dem Namen „Marmaduke“. Über eine Woche musste ich andauernd und unwillkürlich „Marmaduke“ denken. Naja, jedenfalls habe ich mir auch die Filmographie von Imogen Poots angesehen. Dort tauchte „Drecksau“ ebenfalls auf.

Ich habe aus ebenfalls unbekannten Gründen eine leichte Aversion gegen gelbe Filmcover. Ich beschließe im Unterbewusstsein sehr oft das ein Film mit gelbem Cover langweilig sein muss. Dies trifft natürlich nicht immer zu, und ich hätte nach nur einer Minute Nachdenken auch direkt drei Beispiele die diese Annahme wiederlegen, aber es ist nunmal so. „Drecksau“ hat ein gelbes Poster.

Deswegen hat es ziemlich lange gedauert bis ich mir diesen Film tatsächlich mal angesehen habe. Und ehrlich gesagt bin ich jetzt am Ende der 93 Minuten mehr als geplättet. Weil alles so gut zusammen gepasst hat. Die Umstände. Die Jahreszeit. Die Thematik.

Ich wollte dem Film kritisch gegenüber stehen. In der ganzen ersten Hälfte habe ich ihm nichts gegönnt. Ich wollte ihn reduzieren auf eine weitere Umsetzung der „Bad Lieutenant“ Geschichte. Nur mit komödiantischem Einschlag. Ich wollte dem Hauptdarsteller seine Glaubwürdigkeit nicht gönnen. Ich wollte ganze Passagen des Films als sinnlos abstrafen. Ich wollte über die verflucht überzogenen Farbfilter schimpfen. Aber jetzt kann ich den Film grad nur noch für seine kompromisslose, verzweifelte Traurigkeit, aber auch für seine Entschlossenheit loben.

Genau so wie bei „Trainspotting“ kann ich leider zum jetzigen Zeitpunkt keinen Vergleich zur Vorlage von Irvine Welsh ziehen. Habe ich einfach nie gelesen und mir ist der Bezug auch erst bei den Recherchen zu diesem Artikel aufgefallen. Langsam sollte ich seine Werke mal nachholen. Aber hier geht es ja sowieso nur um meinen Eindruck zum Film.

Der Film beginnt mit einem Lobgesang auf den Hauptcharakter Bruce, gesprochen von seiner Ehefrau. Bruce muss nur noch eine Sache in seinem Leben erreichen: die ausgeschriebene Beförderung bekommen. Danach ist alles perfekt. Es fällt nicht schwer diese Lobhudelei nachzuvollziehen als wir Bruce dann endlich kennenlernen. Er ist zielstrebig, skrupellos, von sich überzeugt und intrigant. Er hat alle Eigenschaften die seine Frau sich von ihm wünscht. Er wird voran kommen, denn er hat einen Plan.

Im Laufe des Films bekommen wir nun Szenen serviert in denen Bruce sich voll auslebt. Er tut alles um seine Mitbewerber auszustechen. Er furzt in einem Meeting und schiebt es einem vermeintlich schwulen Kollegen in die Schuhe, er spielt eben diese Kollegen untereinander, gegeneinander, übereinander aus und nimmt sich auch ansonsten was er will. Dabei schreckt er nicht davor zurück bei einer regelwidrigen Zeugenbefragung von einer Minderjährigen orale Befriedigung zu verlangen. Schon an dieser Stelle dachte ich: „Halt! Es gibt bereits ein Remake von „Bad Lieutenant“. Was wollt ihr hier eigentlich zeigen?“ Der Film hat aber durchaus mehr zu bieten. Er lässt es aber nur häppchenweise raus.

Es wird im Laufe des Films ein durch und durch kranker Charakter gezeichnet. Und damit meine ich klinisch krank. Bruce ist kein Drogenopfer. Er ist kein Junkie dem es egal ist wie er an seinen Stoff kommt. Bruce besorgt sich seinen Stoff zur Selbstmedikation weil er niemandem vertraut außer sich selber. Er ist vom eigenen Leistungsanspruch getrieben. Er ist sich sicher nur noch diese eine Beförderung erreichen zu müssen um sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Damit wäre dann auch der Wahnsinn besiegt. Bruce ist sich bewusst dass er andere Möglichkeiten hätte aber er nimmt sie nicht wahr. Oder besser gesagt: Er nimmt sie immer verzerrter wahr. Was noch greifbar ist und was nicht, verschwimmt immer mehr. Und da liegt es auf der Hand auf nichts mehr zu setzen als auf sich selber. Genau wie diese Möglichkeiten werden ihm die Menschen die ihn umgeben ebenfalls völlig scheißegal.

Der Film führt uns dabei auf einer Zeitachse über Weihnachten bis hin zur großen Erkenntnis am Jahreswechsel. Immer mehr verwischen dabei die Handlungsebenen. Ganz leise und immer nur im Hintergrund erfahren wir als Zuschauer zu welcher Zeit wir uns im Geschehen bewegen. Das hat den Film Heute für mich zu etwas Besonderem gemacht. Das Weihnachtsfest ist kaum vorbei. Draußen fliegen schon seit zwei Tagen die ersten Böller und der Jahreswechsel ist nicht mehr weit. Im Film fliegen die Raketen, es läuten die Glocken und eine Welt bricht zusammen. Es war wunderschön!

Das eigentliche Ende könnte man als zynisch beschreiben. Ich habe mich jedoch regelrecht abgeholt gefühlt. Es wird mehr als nur die vierte Wand durchbrochen und ich hoffe ganz stark dass bewusst auf so ein abstraktes Ende hingearbeitet wurde. Ich möchte nie erfahren ob diese Endsequenz geschaffen wurde um gefährdete Zuschauer aufzumuntern. Wenn dass der Fall wäre würde ich von einer schlechten Design-Entscheidung sprechen. Für mich hat es funktioniert. Und ich bin froh darüber.

„Drecksau“ ist ein großartiges Psychogramm das kompromisslos alle Konsequenzen zieht. Ohne Wenn und Aber.

Ich kenne Leute die ihren Sylvester-Abend traditionell alleine mit „Leaving Las Vegas“ verbringen. Wer drauf steht hat mit „Drecksau“ eine Ergänzung gefunden.

 

 

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Ich finde es übrigens wieder sehr bezeichnend dass für die deutsche Veröffentlichung 
ein Untertitel gewählt werden musste. 

"Es ist Zeit, versaut zu sein" ist ein unglaublich zynischer Untertitel, der davon zeugt dass sich
in der Grafikabteilung niemand wirklich mit dem Film auseinander gesetzt hat.

Ich behalte eure Untertitel im Auge!

 

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