Robot Unicorn Attack Forever Ich werd es nicht mehr los!

Pünktlich zum Jahreswechsel hopste es über die unsichtbare Datenleitung direkt auf mein mobiles Endgerät. Zusammen mit 41 Kumpels aus Holz, Metall, Tränen, Seelen und Wünschen. Und jetzt bemerke ich an mir eine beunruhigende Zuneigung zum Robot Unicorn.

Das Vieh hat aber auch einen genialen Stil. Ich habe vor einigen Jahren den liebevoll gezeichneten Vorgänger kennengelernt ihn aber recht schnell wieder vom Telefon verbannt, da er immer nur am Akku lutschen wollte. Dabei hat mir die Idee saugut gefallen.

Hardkitsch-Team

Und ich meine nicht die Spielidee. Das Prinzip des Endless Runners ist mir damals wie heute bekannt und ich mag es immer noch nicht sonderlich. Damit so ein Spiel und ich zusammen passen müssen ein paar Faktoren zusammen kommen. Ich stehe nicht auf Reaktionstests. Fand ich noch nie gut. Wenn ich das Gefühl verliere einen Fortschritt erreichen zu können werde ich nicht mehr lange weiterspielen. Ich erinnere mich daran wie ich mir an einer bestimmten Stelle bei „BIT.TRIP RUNNER“ fast 2 Stunden die Zähne ausgebissen habe. So oft ich es auch versucht habe, ich kam kein Stück weiter. Und das Spiel gab mir auch keine Möglichkeit die Situation irgendwie anders zu lösen. Keine Alternativroute gefunden. Keine Minute mehr weitergespielt.

Den Nachfolger „Runner2“ habe ich als deutlich flexibler, zugänglicher und besser gelaunt in Erinnerung. Aber trotzdem vermochte auch er es nicht mich länger als zwei Stunden zu amüsieren. Dazu kommt dass das Runner-Genre aufgrund der simplen Spielmechanik mittlerweile gerne herangezogen wird um so gut wie jeden Scheiß zu vermarkten.
Filme, Comics, Serien und sogar ganze Streamingdienste. Gibt es ein Franchise ist die Wahrscheinlichkeit groß dass ein Endless Runner dafür existiert. Sowas geht auf Kosten der Inspiration, Innovation und Motivation.

Nun kommt einfach das Robot Unicorn daher und macht so vieles richtig was mich an anderer Stelle genervt, geärgert und abgeschreckt hat. Am wichtigsten ist mir dabei die Tatsache dass das Spiel unglaublich konsequent ist in dem was es sein will. Ich würde es folgendermaßen zusammen fassen:

ROBOT UNICORN ATTACK FOREVER ist kompromissloser, knallharter Hardcore-Kitsch.

Zuckerwatteattacke

Von Anfang an herrscht bonbonbunte Reizüberflutung. Irgendwer will irgendwas erzählen. Will eine Erklärung liefern warum es nun nötig ist mit Roboter Einhörner losziehen, erzählt von Zitadellen und Ställen, von Delfinen und Schmieden. Ich habe nichts davon kapiert. Nur das die Story einfach genauso übertrieben und pathetisch ist wie der Rest des Spiels.

Und schon geht es in die erste Runde. Das Robot Unicorn setzt sich in Bewegung und zieht einen Regenbogen hinter sich her. Während es auf Zuckerwatte vor einem Bergmassiv entlang läuft, tauchen im Hintergrund riesige, rosa Teddybären aus den Wolken auf. Mit blau leuchtenden Laseraugen sehen sie dem Einhorn zu, wie es Tränen und glitzernde Feen sammelt, Elektrokrabben aus dem Weg rammt und dabei mehr und mehr an Geschwindigkeit gewinnt. Hat es genügend Feen gesammelt wird es für kurze Zeit in eine Parallelwelt teleportiert in der es seinen Vorrat an Tränen in Rekordgeschwindigkeit aufstocken kann.

Wieder zurück in den Regenbogengipfeln gesellen sich fliegende Metalldelfine zum Einhorn. Zunächst noch silberglänzend ändern sie ihre Farbe im Laufe der zurückgelegten Strecke in einen leuchtenden Goldton. Und das Beste dabei: Die ganze Zeit wird der Megahit „Always“ von Erasure gespielt. In Dauerschleife. Yeah!

Das Einhorn springt und prescht weiter durch die Berge, solange bis es mit einer Wand oder einem Feind kollidiert und einen Totalschaden erleidet. Danach begibt sich das nächste von insgesamt drei Einhörnern auf den gleichen Pfad. Ist das Team komplett zerstört geht es wie von Zauberhand zurück in das Hauptquartier, die Zitadelle.

Abflug

Hier bekommt das Spiel nun noch einen Management-Teil. In der Schmiede können die gesammelten Tränen und Seelen und was weiß ich nicht was, gegen neue Einhörner eingetauscht werden. Einhörner gleicher Art können miteinander verschmolzen werden um ihr maximal mögliches Level zu erhöhen. Und es können ungeliebte Exemplare in ihre Einzelteile zerlegen um die eigenen Lieblinge damit zu füttern.

Auch die Zitadelle an sich kann aufgewertet werden. Dies geschieht indem die drei stärksten Einhörner noch stärker gemacht werden. Aus dem Wert dieser drei ergibt sich die Stärke der Zitadelle. Und je stärker die Zitadelle ist, umso mehr Welten können betreten werden. Das ist zwar immer noch nicht alles, aber wie man neue Perks für die Einhörner herstellt oder wie man arbeitslose Exemplare auf Angriffe schickt tut hier jetzt grad nichts zur Sache. Ich wollte darüber schreiben was das Spiel richtig macht.

 

Die Zitadelle (Ausbaustufe 2! Yeah!)

Und das sind im wesentlichen drei Dinge:
-Die kompromisslos, schrille Präsentation
-‎Die Lernkurve für den Spieler
-‎Und ein Schwierigkeitsgrad der fair ansteigt

Tatsächlich konnte ich bei mir eine Lernkurve erkennen. Das mag daran liegen dass ich von dem ganzen Tutorial Blabla nicht viel verstanden habe. Die deutsche Übersetzung ist überbordend abstrakt und trashig. Ob gewollt oder nicht, es passt in das Gesamtkonzept.
Außerdem hatte ich irgendwann verstanden wie die zufallsgenerierten Level funktionieren. Die sind ein sehr großer Vorteil. Denn anstatt sich einen langen Weg merken zu müssen, bei dem das eigene Hirn vielleicht sogar immer an der gleichen Stelle aushakt, merkt sich der Spieler hier Situationen und reagiert darauf. Das ist sehr viel angenehmer als immer am gleichen Hinderniss zu scheitern. Außerdem hatte ich beim spielen nie das Gefühl einfach ins Ungewisse springen zu müssen. So stellt sich beim zocken ein fast schon meditativer Flow ein. Sehr erfrischend.
Von den zusätzlichen Motivatoren habe ich oben ja bereits berichtet.

Natürlich ist das Spiel nicht die Revolution des Gaming. Es bleibt ein kostenloses Casualgame für mobile Geräte. Und im besten Fall soll damit natürlich auch Umsatz gemacht werden. Das geschieht hier recht unaufdringlich. Zum einen bekommt man genügend Gelegenheiten sich die Währung zu verdienen, wer das ganze aber etwas beschleunigen will, der wird dazu eingeladen sich Werbung  anzuschauen. Und wer es ganz eilig hat darf selbstverständlich sein echtes Geld gegen Einhorn-Währung tauschen. Das muss jeder selbst wissen. Es läuft jedoch ganz ungezwungen.

Natürlich nervt auch der Erasure Song nach einiger Zeit. Aber, Hey: Gute Popmusik bleibt gute Popmusik! Und die Musik einfach abzuschalten wiederspricht voll und ganz der Intention des Spieles.

Was mich am meisten genervt hat sind häufige Glitches wenn die Einhörner rennen. Mir ist es schon mehrmals passiert dass mein jeweiliger Läufer einfach an allem vorbei rennt. So als wäre er ein Stückchen in der Welt verschoben kollidiert er nicht mehr mit Feinden und Felsen, aber auch nicht mit den wertvollen Tränen. Nur ein Sturz in die Tiefe kann das Pferdchen dann noch aufhalten
Ein anderes Mal ist der Kopf des Tieres bei einer Kollision so stecken geblieben dass garnichts mehr ging. Bis auf den Kilometerzähler hat nichts mehr reagiert.
Aber am ärgerlichsten finde ich wenn auf einen Tastendruck nicht reagiert wird, so dass ein Sprung oder ein Stoß gar nicht oder zu spät ausgeführt werden. Meistens passiert dies bei hohen Geschwindigkeiten. Da beschleicht mich manchmal das Gefühl, das Spiel möchte mir mitteilen „Ende der Ausbaustrecke“.

Alles in allem ist Robot Unicorn Attack Forever aber ein wunderbarer kleiner Lichtblick im Einheitsbrei. Das Spiel ist wie ein unaufdringlicher aber schriller Paradiesvogel in einem Werksbus voller Fließbandarbeiter.

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