Alice vs. Dorothy The Wizard of Wonderland

Durch einen Twitter-Beitrag von Tommy Krappweis bin ich heute mal wieder auf das Thema „Der Zauberer von Oz“ gestoßen. Tommy schrieb:

„Der Film ‚The Wizard Of Oz‘ hat sich inhaltlich nicht gut gehalten – Soundtrack, Stil, Darsteller und Ausstattung ist immer noch sehenswert – aber Story, Dialoge, Motivationen, Plotting, Finale… Das war alles viel banaler, platter, eindimensionaler als ich in Erinnerung hatte.“ [1]

Das entspricht so ungefähr meinen Empfindungen wenn ich mit der Geschichte „Der Zauberer von Oz“ konfrontiert werde. Und immer wieder drängen sich mir in Diskussionen über dieses Thema Vergleiche zu meinem absoluten Lieblingsmärchen „Alice im Wunderland“ auf. Warum nicht mal den Versuch wagen, aufzuschreiben wo ich die Unterschiede sehe? Warum packt mich das Wunderland sofort und warum lässt mich Oz völlig kalt?

Vergleichen wir mal die Schauplätze der beiden Geschichten. Im Wunderland gibt es keine Regeln und Gesetze. Dort kann einfach alles passieren. Und wahrscheinlich ist dort auch schon alles passiert. Genaugenommen passiert dort ständig alles. Gleichzeitig. Nur zu anderen Momenten. Man muss halt pünklich zur Stelle sein um die Wunder sehen zu können. Nur leider sagt einem niemand wo „zur Stelle“ ist. Glücklicherweise passiert aber auch überall was.

Oz hingegen ist kein chaotisches Land. Dort gibt es Regeln. Dort gibt es Gesetze. Aber auch eine klare Trennung von Gut und Böse, sowie eine Ober- und Unterschicht. Einige Chraktere tragen ihre Gesinnung schon direkt im Namen. Die Böse Hexe des Ostens wird erschlagen und die Gute Hexe des Nordens freut sich. Städte und Regionen werden regiert und Völker ordnen sich unter und wollen beherrscht werden. Macht, Befehlsgewalt und Täuschung sind ein wichtiger Bestandteil in der Geschichte von Oz.

Undenkbar dass im Wunderland eine Horde Affen existieren könnte die auf Zuruf Befehle ausführen. Wenn es im Wunderland eine Horde Affen gibt, dann ist dort wo diese Truppe auftaucht wohl eher jeder Tag Chaos-Tag. Im Lande Oz gibt es jedoch diese Regeln. Du besitzt die Goldene Kappe? Spitze! Du darfst die Affen dreimal rufen. Nur dreimal! Dann ist Schluß. Du besitzt die Rubinroten Schuhe? Klapper dreimal mit den Hacken und wünsch dich nach Hause! Klappt schon!

Das Wunderland ist eine nichtlineare Reise. Ähnlich wie in einem Traum findet sich Alice mit jedem Schritt in neuen skurrilen Situationen wieder.  Alice kann dabei keiner „Yellow Brick Road“ folgen. Einfach weil es im Wunderland keine gibt. Aber Alice ist eine selbsbewusste junge Dame und sie findet ihren Weg alleine. Sie kann sich zwar nie sicher sein ob eine Begegnung mit den Bewohnern des Wunderlandes vielleicht eine Gefahr darstellt, aber trotzdem ist sie auf alles neugierig.

Dorothy dagegen folgt einem festgelegten Weg, eben der „Yellow Brick Road“, und kommt auch nicht wirklich auf die Idee vom Weg abzuweichen. Sie wird auf ihre Reise geschickt und geht den Weg vom Anfang bis zum Ende. Sie stößt auf offensichtliche Gefahren und muss darauf hoffen dass von irgendwo eine Lösung daher kommt. Was wäre ihr wohl passiert wenn sie einfach gesagt hätte „Fuck Kansas! Ich guck mich hier jetzt erstmal um!“?

 

Wohin führt wohl die „Red Brick Road“?

Am meisten stört mich dabei die Lesart die „The Wizard Of Oz“ zulässt. Mut, Herz, Hirn und Heimat sind die Ziele der Hauptcharaktere. Um diese Ziele zu erreichen werden sie das mächstigste Wesen des Landes Oz aufsuchen, den titelgebenden Zauberer. Dieser entpuppt sich als kolossaler Lügner und Betrüger mit Minderwertigkeitskomplex. Erst täuscht er alle Protagonisten hintereinander, so wie er es offentsichtlich mit dem gesammten Land getan hat, und nachdem sein Betrug aufgedeckt wurde wird er geradezu angebettelt noch einen draufzusetzen. So bekommt die Vogelscheuche ein falsches Hirn, der Zinnmann ein falsches Herz, der Löwe Mut in der Flasche und Dorothy verspricht er eine Reise nach Hause, macht sich aber vorher aus dem Staub.

Wenn ich es mir einfach machen würde, dann könnte ich mir jetzt einreden, dass die Figuren alle nur einen kleinen Anstoß gebraucht habe um erkennen zu können dass die Fähigkeiten zu denken, zu lieben und mutig zu sein schon die ganze Zeit in ihnen steckten. Oberflächlich gesehen möchte ich gerne einfach nur genau das herauslesen. Ich kann es mir aber nicht einfach machen. Ich fühle mich von der Geschichte ebenfalls getäuscht. „Wizard of Oz“ ist eine Geschichte über blinden Gehorsam, Machtausübung und nicht zuletzt Selbstbetrug.

Die Figuren werden auf eine Reise geschickt und gehorchen. Es geht nicht um Selbsterkenntnis. Ich sehe keine Lernkurve. Was ich sehe ist eine bunte Gruppe die sich auf den Weg macht um sich Trophäen und Anerkennung vom mächtisten Wesen im Umkreis zu beschaffen. Auf dem Weg dahin werden die Bösen angegangen und natürlich besiegt. Das mächtigste Wesen entpuppt sich als rücksichtsloser und machtbesessener Blender. Aber anstatt spätestens hier festzustellen, dass die Macht die ganze Zeit in ihnen gesteckt hat, bestehen die Helden weiterhin auf ihre Placebo-Trophäen. Und das nur um später selber Macht ausüben zu können. Der Löwe erhebt sich zum König der Tiere, Die Vogelscheuche wird später die Smaragdstadt regieren und der Zinnmann wird über die Winkies herrschen. Allein Dorothy bleibt Erfüllungsgehilfin und bodenständig und kehrt zurück auf die Farm.

Das macht den „Wizard of Oz“ aber wahrscheinlich so uramerikanisch. Es ist diese Mischung aus Selbstverliebheit, Ignoranz und Arroganz die ich spüre wenn ich mich mit Oz beschäftige. Alles was ich aus dieser Geschichte ziehen kann fühlt sich dadurch flach und belanglos an. Wer möchte darf diese Aussage gerne auf das Amerika der heutigen Zeit übertragen. Viel zu verlieren gibt es da nicht.

Ich verachte den „Wizard of Oz“ nicht. Er hat natürlich seine Daseinsberechtigung. Es gibt auch Veröffentlichungen der Vorlage die ich durchaus sehenswert finde. In Deutschland wurde beispielsweise der Comic „Der Zauberer von Oz“ im Marvel Verlag (Panini Comics) veröffentlicht. Dieser Comic setzt sich selbst den Anspruch sich möglichst nach an der Orginalgeschichte von Lyman Frank Baum zu bewegen. Dabei soll auf kinderfreundliche Weichspülerei verzichtet werden. Tatsächlich kommen einige Passagen auch deutlich interessanter daher. Die unzensierte Herkunft des Zinnmannes ist beispielsweise wirklich packend. Aber die eigentliche Geschichte bleibt die gleiche und hat mich schnell genervt.

Was diesen Comic aber zu etwas ganz Besonderem macht sind die großartigen Zeichnungen von Skottie Young. Der Zeichner schafft unglaublich dynamische und ausdrucksstarke Panels die sich zwischen düster und niedlich bewegen. Das ist großartig anzusehen und manchmal nehme ich den Comic-Band gerne einfach mal wieder zur Hand nur um mir Inspiration zu verschaffen. Die Geschichte lasse ich dabei völlig außen vor. Ein Panel von Skottie Young kann so viel ausdrücken, dass mich der Text manchmal sogar stört.

Lesen!

Ich kann auch mit dem Disney-Film von 1985 etwas anfangen. Er ist düster, surreal und strahlt Gefahr aus. Allerdings basiert er auf den Fortsetzungen von L. Frank Baum und tut hier nichts zur Sache.

Tut nichts zur Sache

Alice begibt sich im Gegensatz dazu auf eine traumartige Reise durch das Wunderland. Es gibt dort kein Gut oder Böse und auch kein Richtig oder Falsch. Alice erlebt ihre Umgebung mit Akzeptanz und Neugierde. Sie muss ihre Erlebnisse und Begegnungen im Wunderland selber bewerten. Sie entscheidet wann sie sich ungerecht behandelt fühlt und sagt es oftmals auch. Dieses Abwägen bringt sie weiter auf ihrem Weg und führt sie zu neuen unglaublichen Erlebnissen.
Sie wertet dabei aber nie oberflächlich. Ihre Welt ist bunt und sie weiß dass der erste Eindruck nicht immer der richtige ist. Wenn sie allerdings merkt dass sie sich grad mit jemandem unterhält der sie ausbremst, nervt und ihr nicht gut tut, dann wird sie sich schnell von ihm abwenden und ihren eigenen Weg weiter gehen.

Oz ist keine fantastische Welt. Oz ist eine beschränkte Welt und dabei gleichzeitig ein Blender. Oz ist eine simpel beschriebene Gesellschaft mit buntem Fondant-Überzug.
Das Wunderland dagegen kann nur noch dann fantastischer werden wenn das Wunderland es will.

Ich glaube so kann ich diesen Artikel erstmal getrost beenden. Ich habe jetzt Lust bekommen mich mit den verschiedenen Veröffentlichungen sowohl vom „Zauberer von Oz“ als auch von „Alice im Wunderland“ zu beschäftigen. Besonders zum Thema Alice gibt es so viele wirklich einzigartige Interpretationen denen einfach mehr Bachtung gebührt. Der TV-Zweiteiler von 1999, Jan Svankmajers Film von 1988 oder die Zeichentrickserie aus den 80er Jahren sind großartige Umsetzungen.
Zum „Zauberer von Oz“ fällt mir leider nicht viel ein. Für mich haben es 2005 nicht einmal die Muppets geschafft den Stoff über den Durchschnitt zu heben. Schade!

 

Ich habe mich beim Schreiben auf meine rudimentären Erinnerugen an den "Zauberer von Oz" Film von 1939
verlassen. Meine primäre Quelle war aber der, im Artikel erwähnte, Comic. Er hat einfach den Anspruch 
die Buchvorlage möglichst originalgetreu wiederzugeben.

[1]Quelle: https://twitter.com/TommyKrappweis/status/949394646337245184
Quelle Banner-Bild von: http://deadline.com/2017/10/dorothy-and-alice-netflix-i-tonya-producer-1202188150/
Quelle Bild 1: http://thefilmspectrum.com/?p=3634
Quelle Bild 2: Mein Smartphone
Quelle Bild 3: http://www.dreadcentral.com/news/258481/fairuza-balk-talks-return-oz-documentary/

 

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