FREAKS [funk borderline] Ich werd noch bekloppt!

Es geht mir so oft so. Ich klicke irgendwie im Internet rum und möchte eigentlich nur schlafen. Der Idealfall wäre ein Podcast mit beruhigender Stimme und einem komplett gechillten Thema. Eine Traumreise wünsche ich mir. Und dann lande ich, blöd wie ich nunmal bin, wieder bei einem öffentlich-rechtlichem Angebot. In diesem Fall auf dem YouTube-Kanal „Borderline“  veröffentlicht von „funk“. Einem Medienangebot von ARD und ZDF.

Und ich bleibe am Ball. Ich gucke mir die erste Folge der Webserie „FREAKS“ an. YouTube-Star Phil Laude kackt mir in den ersten Minuten grundlos auf den Bildschirm, Runa Greiner hat ihr OCD nicht im Griff (wird später nie wieder thematisiert)  und einer der Ochsenknecht-Söhne isoliert sich, ohne jedoch eine ordentliche Selbstverletzung zustande zu kriegen. Diese drei Charaktere finden sich nun alle in der selben psychiatrischen Einrichtung wieder. Warum, das bleibt ein Rätsel. Nehmen wir mal Runa Greiners Charakter. Die Junge Dame wird, nach ihrer obsoleten OCD-Attacke, in der Schule gemobbed. Von Mitschülerinnen herabgewürdigt bleibt sie irgendwann weinend vor dem Klassenzimmer sitzen und ist… schwupps… in der psychiatrichen Klinik und wird unter Medikamente gesetzt.

Zur gleichen Zeit liefert sich auch der junge Ochsenknecht nach einem Selbstmordversuch selbst ein, ist dabei pretty cool und edgie. Und nachdem Phil einen drogeninduzierten, paranoiden Wahnzustand im Kinderheim hatte, gehört er natürlich auch in dieselbe Klinik. Ausgangszustand hergestellt.

Und jetzt wird es richtig ekelhalt. Den Jugendlichen wird in der Psychatrie kein Gehör geschenkt. Wichtiger scheint es sie unter Medikation zu beaufsichtigen. Runas Charakter hat man schon in den ersten Folgen soweit dass sie Zwerge in ihrer Umgebung wahrnimmt. Der Zuschauer darf rätseln ob sie von Anfang an an paranoiden Wahnvorstellungen gelitten hat, oder ob sie durch ihren Klinikaufenthalt verstärkt wurden. Dabei hilft es auch nicht dass sich die Autoren der Sendung noch entblöden ihre Ober-Mobberin als Praktikantin in die Psychiatrie zu holen. Runa kann gut häkeln und Runa kann gut knoten. Und so ist ein Selbstmordversuch unter diesen Umständen nicht fern. Ich bin mir im Klaren darüber dass das eigene Körpergewicht ausreicht um die Kehle soweit zuschnüren zu können als dass man das Bewusstsein verliert. Es sei dahin gestellt ob ein Häkelfaden ausreichend ist, wichtig ist nur dass unserer Runa anschließend keine besondere Betreuung auferlegt wird.

Überhaupt scheint Betreuung keine große Rolle in dieser Psychiatrie eingeräumt zu werden. Die arrogante Ärzteschaft ist bemüht möglichst viele Medikamente ausgeben zu können. Ab und zu stolpern die Protagonisten über einen Musiktherapeuten. Aber der ist nicht der Rede wert und wir kommen später darauf zurück. Bis dahin werden alle Jugendlichen unter Drogen gesetzt und anstatt Zuhören gibt es Unglaube. Irre! Wirklich Irre!

Dass die restlichen Sicherheitsbestimmungen in der Jugendherberge… äh… Der Psychiatrie eher der einer Klassenfahrt ähneln lasse ich jetzt mal dahingestellt. Soviel Blödsinn… so… viel… blöd… sinn…

Was soll so eine Serie denn bitte vermitteln? Du wirst gemobbed? Fang bloß nicht an zu heulen. Sonst steckst du einen Tag später unter Medikamenten in der Psychiatrie. Paranoia? Drogen? Ab in die Psychiatrie und lass dich ruhig stellen.
Es ist absolut nicht normal dass jemand mit ernsthaften Selbstmordabsichten von sich selbst heraus in die Psychiatrie geht. Sowas ist ein sehr großer und schwieriger Schritt. Fast unüberwindlich. Und dann wird bei der Aufnahme ein Bild gezeichnet als ob die Dame an der Rezeption unseren Ochsenknecht überhaupt nicht ernst nimmt? Du musst am Türsteher im weißen Kittel vorbei? Und im Gegenzug wird gegen Ende der Serie gezeigt dass Elektroschock-Therapie wohl noch ein gangbares Mittel in den psychiatrischen Anstalten ist. Ein Mittel das heutzutage vielleicht noch die alleräußerste Form der Therapie unter Narkose darstellt wird einfach mal so als Erstanwendung im wachen Zustand benutzt. Direkt an zwei Patienten mit völlig unterschiedlichen Krankheitsbildern. Heftig!

Überhaupt wird hier nichts, aber auch gar nichts, wirklich ernst genommen. Alles zielt darauf hinaus, dass sich die Protagonisten früher oder später als Freaks akzeptieren und im Höhepunkt eine Band gründen um „Zombie“ von den Cranberries zu spielen. Einer großartigen Band mit einer großartigen Sängerin, deren Tod vermutlich nicht so weit weg von den Problemen liegt die hier thematisiert werden.

Ich habe mir diese kurze Webserie am Stück angesehen und ich habe sprichwörtlich abgekotzt. Ich habe lange nicht so eine oberflächliche und prätentiöse Kacke gesehen wie diesen Scheißhaufen bezahlt aus Gebührengeldern. Ich halte diese Serie für gefährlich. Menschen und insbesondere Jugendliche mit wirklichen, echten Problemen dürfen sich mit Recht abgeschreckt fühlen um Hilfe zu bitten, nachdem sie sich dieses Machwerk gegeben haben. Hier wird nicht sensibilisiert, auch kein Mut gemacht. Hier wird Angst verbreitet und ein Bild gezeichnet welches einfach fern von jeder Realität ist.

Die Einblendung „Nach wahren Begebenheiten“ vor jeder Folge hätte ich gerne mal vom verantwortlichen Team belegt. Was hätte man da alles rausholen können! Ich nehme nur mal den Punkt der Medikation, der einen großen Stellenwert in der Serie, aber auch in der realen Therapie hat. Dauernd wird den Protagonisten irgendwas gegeben. Jetzt könnte man auf die Medikamente und ihre Nebenwirkungen eingehen. Stattdessen bleiben die Medikamente geheimnisvoll. Irgenwelche Pillen werden gegeben und die Nebenwirkung die hier ausgelebt wird ist einfach nur ein schmerzhafter Dauerständer. Das ist so verflucht peinlich. Anstatt die Chance zu ergreifen Berührungsängste und Vorurteile abzubauen wird hier einfach nur nochmal richtig das Feuer geschürt. So bleibt leider der Eindruck dass die „wahren Begebenheiten“ nichts weiter als eine Mischung aus zusammengewürfelten Wikipedia-Artikeln und Beipackzetteln aus Pillenschachteln sind.

Wer wirklich von der popkulturellen Seite an dieses Thema heran gehen möchte, dem seien die Aussagen von Coldmirror empfohlen. Sie hält sich beim Thema psychische Erkrankung nicht zurück und spricht abseits von funk viele wirklich, wirklich wichtige Dinge aus. Ebenfalls auf YouTube sofort verfühbar.
Tobi Katze hat mit „Morgen ist leider auch noch ein Tag“ ein wunderbares Buch und Hörbuch zum Thema Depression verfasst. Drogeninduzierte Paranioa wird in „Das weisse Rauschen“ mehr als gerecht behandelt. Es gibt einfach so viele wirklich gute Herangehensweisen an dieses Thema.
Und wer es ganz geeky haben möchte, dem empfehle ich die Antworten von Dan Harmon, einem der Schöpfer der Serie „Rick and Morty“.  Auf die simpel klingende Frage der Twitter-Nutzerin @tristmaus : „do you have advice for dealing with depression“ hat er ausführlich und einfühlsam geantwortet. Er stoppt nicht bei „Two“. Hier der Link:

Diese Webserie hat es nicht gebraucht, sie ist leider nicht nur überflüssig, sondern auch gefährlich und ich hoffe sehr dass nach acht Folgen Schluß ist. Ich habe mich geärgert, ich habe mich geschämt und ich würde Gesehenes gerne ungesehen machen. Aber es ist wohl besser darüber laut zu meckern.

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Der Vollständigkeit halber: Ich wurde darauf hingewiesen dass es sich wohl um eine deutsche Interpretation der finnischen Serie „Sekasin“ handelt. Ich konnte mir diese Serie aus Zeitmangel noch nicht anschauen. Ich danke aber Prograz für den Hinweis. Und solange diese Serie noch nicht Geschichte ist bleibt mir auch „Sekasin“ präsent.

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Als sei das Thema an sich nicht schon wichtig genug ist es auch omnipräsent. Kaum 5 Minuten nachdem ich den Text hier abgesetzt habe:

 

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